Grundstein furs Glück: Der Schulmeister feiert mit Gretchen (Andreas Becker, Selma Harkink) im Rohbau Verlobung. RN-Foto: Vahlensieck
Eselei im Schürzenjagd-Revier
Oper: Lortzings ,,Wildschütz" als munteres Komödienspiel
Dortmund • Vor 50 Jahren, in der gutbürgerlichen Wirtschaftswunderzeit, war Albert Lortzing nach Mozart noch der meist gespielte Opernkomponist auf deutschen Bühnen. Die Gemütlichkeit, die Stimmen der Natur und die biedermeierliche Kleinbürgerlichkeit in seinen Spielopern sprach den Menschen aus der von „Grüner Heide" erfüllten Seele.
Waidmänner im Parkett
Das Dortmunder Opernhaus ist jetzt Jagdrevier fur den heute wenig gespielten „Wildschütz", Lortzings Silvesterspaß für das Jahr 1842, den deutschen ,”Figaro", der - anders als Mozart - nicht nur dem Adel die satirische Maske überstreift, sondern auch dem bürgerüchen Philistertum.
Man gibt sich volkstümlich, Waidmänner ziehen durchs Parkett, Dorfjugend und Landleute sind unterwegs, man sieht viel Hirsch und Geweih am Bühnenportal. Und bevor der Schuss fällt, mit dem der Schulmeister Baculus seine größte Eselei begeht, streckt ein Grautier aus Plüsch den Kopf durch den roten Samtvorhang - und stirbt wie im Puppentheater.
Munter und bunt, mit einem höchst spielfreudigen Opern- und Kinderchor („Die Zauberlehrlinge") hat der Österreicher Werner Pichler die komische Oper nach Kotzebues Lustspiel „Der Rehbock" auf die Bühne gebracht. Ohne Biedermeier- und Deutscher Wald-Mief, in einem zeitlos schönen Bühnenbild (Andrea Holzl), in dem Licht die Natur ersetzt. Mit netten Gags (wie dem weißen Hasen, den Jäger vom Himmel schießen) und mit dem feinen Stift eines Satirikers.
Kammersänger Andreas Becker singt und spielt den Baculus, mit dem Lortzing den deutschen Volksschullehrern ein Denkmal gesetzt hat. Es ist die Abschiedsrolle des Bass-Erz-Komödianten. Nicht übertrieben trottelig, auch verschmitzt und fürsorglich-gütig und hinreißend komödiantisch gibt er den bauernschlauen Kleinbürger aus dem Biedermeier-Bilderbuch. Das Palais, das sich der Schulmeister von den berühmten 5000 Talern bauen will, steht schon im 1. Akt bei der Verlobung mit seinem nach Besserem strebenden Gretchen (hübsch mädchenhaft: Selma Harkink) als Rohbau auf der Bühne. Nur eine Nummer kleiner und kleinbürgerlicher.
Zweiter Komödiant ist Bernhard Modes als linkischer Haushofmeister Pankratius, und Kammersängerin Elisabeth Lachmann nickt die graecophile Gräfin mit großer
Geste auch hübsch augenzwinkernd ins Komödienfach.
Als falsche Grete, Schwester des Grafen und lustige Witwe, gleitet Heike Susanne Daum sicher und mit glockenhellem Sopran auf Lortzings raschen Melodiewogen dahin, dass es eine wahre Freude ist, ihr zuzuhören und zuzuschauen.
Musik wie ein Souffle
Jeff Martin gelingt es als liebestoller, verkleideter Baron besser mit Tenorschmelz ums falsche Gretchen zu werben als Werner von Mechelen als baritonaler Schürzenjäger-Graf, der gerne im Bürgertum wildert.
Der neue 2. Kapellmeister, Günter Wallner, lässt die Dortmunder Philharmoniker bei seinem Operndebüt Lortzings leicht in musikalischen Formen gegossene Musik, aus der viel Mozart-Ton klingt, delikat wie ein lockeres Soufflé musizieren. Auch ganz ohne dunkle Deutsche Waldromantik, zart und rokokohaft, wie ein Spiel. Kleine Unebenheiten mit den Sängern wird Wallner sicher noch ausbalancieren. • Julia Gaß
Karten: Tel (0231)50-272 22.

Zwei Komödianten: Andreas Becker (r.) als Schulmeister Baculus und Bernhard Modes als Haushofmeister. RN-Foto: Vahlensieck




